– oder wieso wir jüdische Friedhöfe als Erinnerungsorte brauchen

„Makom tov – der gute Ort“

Es war keine große Veranstaltung, letztlich ein Ereignis, das eins von vielen an diesem Tag war. Am 28. März 2012 wurde das Buch „Makom tov – der gute Ort“ in Berlin vorgestellt, indem die Geschichte des vergessenen jüdischen Friedhofs von Frankfurt/Oder aufgearbeitet und dokumentiert wird.
Rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörer folgten gespannt den einleitenden Worten Stephan Felsbergs vom Institut für angewandte Geschichte über die Geschichte des Friedhofs und der Geschichte seiner Wiederentdeckung. Der traditionsreiche Friedhof, der NS-Zeit und den II. Weltkrieg sogar noch relativ unbeschadet überstanden hatte, geriet nach 1945 schnell in Vergessenheit. Der Frankfurter Stadtteil Dammvorstadt, zudem auch der Friedhof gehörte, befand sich nach der Westverschiebung der deutsch-polnischen Grenze auf polnischem Boden und wurde zum polnischen Słubice. Dessen Bewohner, die zum überwiegenden Teil in der Stadt neu angesiedelt wurden, hatten keinen unmittelbaren Zugang zu der deutsch-jüdischen Geschichte des Friedhofs. Die deutsche Bevölkerung Frankfurts hingegen, die im westlichen Teil der Stadt verblieben war, konnte bis in die 1970er-Jahre nur mit einem Visum über die Oder gelangen. Auch existierte nach 1945 keine jüdische Gemeinde in der Stadt mehr, die die Gräber hätte pflegen und das Gedenken an die Angehörigen aufrechterhalten können. Das Buchprojekt „Makom tov – der gute Ort“ versucht diese Lücke im Gedächtnis der Region zu schließen und erinnert sowohl auf Polnisch, als auch auf Deutsch an die Geschichte des Friedhofs.

Friedhöfe als Träger kultureller Funktion und ihre Bedeutung als historische Quelle
Der Verlust der jüdischen Tradition in der Region und die ungünstige Lage im deutsch-polnischen Grenzgebiet hatten für den Friedhof schwerwiegende Folgen. In den 1970er-Jahren wurde auf dem Gelände ein Hotel mit einem großen Parkplatz errichtet. Dafür wurden weite Teile des Friedhofs planiert, Gräber zerstört und unter einer dicken Schicht Erde begraben. Dieser Verlust der letzten verliebenden Überreste jüdischer Kultur in der Region wirkt umso schlimmer, wenn man sich die Bedeutung von Friedhöfen in der jüdischen Kultur vor Augen führt. Der Religionswissenschaftler Dr. Nathanael Riemer erklärte eindrücklich, dass Friedhöfe in der jüdischen Kultur sowohl wichtige kollektive, als auch individuelle Funktionen erfüllen. Sie sind Ort der Trauerbewältigung und sollen den Toten Ruhe und Schutz gewähren, indem sie diesen einen sicheren Raum bieten und sie vor ritueller Verunreinigung schützen. So darf auf jüdischen Friedhöfen weder Getrunken oder Gegessen werden, noch dürfen die Gräber betreten werden. Die Angehörigen und die Gemeinde sind für die Pflege und die Instandhaltung der Gräber zuständig. Diese gelten als ewiges Eigentum der Verstorbenen und werden nicht eingeebnet oder aufgelöst. Auch auf die Bedeutung von Friedhöfen als historische Quelle verwies Dr. Riemer. Denn mit Hilfe der Grabinschriften ließen sich soziale Beziehungen und Migrationsbewegungen rekonstruieren.

Der Verfall und die Wiederentdeckung des Friedhofs
Der Hauptautor des Buches Eckhard Reiß hatte als Fernmeldetechniker bereits in den 1960er-Jahren die Möglichkeit, auf die polnische Seite der Oder zu gelangen. Er stieß dabei 1965 auf den ehemaligen jüdischen Friedhof Frankfurts und machte dort auch einige Fotos von den noch weitestgehend erhaltenen Grabanlagen. Erst mit dem Hotelbau 1975, das später in ein Bordell umfunktioniert wurde, wurden große Teile des Friedhofes zerstört und die Friedhofsmauer abgebrochen. In den 1990er-Jahren wurden verschiedene Rabbiner auf den ehemaligen jüdischen Friedhof aufmerksam, da auf diesem der bedeutende jüdische Gelehrte Yosef Theomim begraben ist. Zusammen mit Eckhard Reiß wurde daraufhin versucht, den Ort des Grabes Theomims mit Hilfe von historischen Fotografien zu rekonstruieren, was nur unter großem Aufwand gelang. Heute steht ein neuer Grabstein an der Stelle, an der Yosef Theomim vor mehr als 200 Jahren beerdigt worden war. Das ehemalige Hotel auf dem Gelände wurde abgerissen, der Friedhof wurde der jüdischen Gemeinde in Stettin übergeben und 2007 in das Eigentum der Warschauer Stiftung zum Schutz jüdischen Erbes überführt. In dem Buch „Makom tov – der gute Ort“ wurde die Geschichte des Friedhofs nun detailliert aufgearbeitet und fotografisch dokumentiert. Auch wurden die bisher wieder entdeckten Grabsteine systematisch in einem Register erfasst und deren hebräische Inschriften auf Deutsch und Polnisch übersetzt.

Im Anschluss an den Vortrag diskutierte das Publikum lebhaft, wie die Zukunft des Friedhofs gestaltet werden könnte. Zwar hat das Projekt „Makom tov“ den ersten Schritt getan, um auf die Geschichte des Friedhofs aufmerksam zu machen, doch wirkt dessen Vergangenheit bis heute nach: Denn keine Institution fühlt sich für die Pflege und den Erhalt des Friedhofs zuständig, weder auf der deutschen, noch auf der polnischen Seite der Oder. Würde man diesen Ort als gemeinsamen deutsch-jüdisch-polnischen Erinnerungsort wahrnehmen, könnte er ein integrierendes Element dieser Region werden und die Gemeinsamkeiten stärken. Es bleibt abzuwarten, ob sich engagierte Bürgerinnen und Bürger finden, die das in die Hand nehmen wollen…

Lars Diedrich

Eintrag vom 07.02.2013

Letzte Einträge


  • Andrej Seuss: „Der Vice-Malik“ - Berliner Bohème und Pariser Exil

    21.11.2022
  • Das Literaturforum im Brecht-Haus präsentiert am Di, 25.10.,17:00 unsere Autorin Ricarda Bethke im Gespräch mit Wolfgang Benz: »Rotes Erbe«

    19.10.2022
  • Der Hof in den Bergen - Lesung mit Prof. em. Dr. Wolfgang Hardtwig

    19.10.2022
  • Entdeckung und Besiedlung der digitalen Welt – Eine Buchvorstellung mit Zeitzeugen

    16.07.2022
  • Informationsquellen zur Ukraine: Medienlinks und Bücher

    25.02.2022
  • Was Krankenhäuser über den Kalten Krieg erzählen: Studie von Andreas Jüttemann erscheint

    23.02.2022
  • Say their names! Zwei Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau

    21.02.2022
  • Online-Lesung & Diskussion: 9.2.22 um 19:00 Uhr stellt Prof. Dr. Andreas Burmester sein Buch „Versandung“ vor (zur NS-Euthanasiepraxis)

    25.01.2022
  • Fontane-Buchhandlung Neuruppin: Lesung und Gespräch „Rotes Erbe –auf der Suche nach Richard Schmincke, meinem Vater“ Dienstag, 18. Januar 2022, 19 Uhr

    18.01.2022
  • Krankenmorde und Deportationen aus Bethel - Bielefelder Initiative widmet sich der Euthanasiepraxis im NS

    15.01.2022
Newsarchiv 2021

Rezension von Peter Novak in der jungle world: Ricarda Bethke hat die Biographie ihres Vaters Richard Schmincke geschrieben, der zu den Mitbegründern der Sozialmedizin in Deutschland gehört.

29.12.2021
Wir freuen uns über die ausführliche Rezension von Peter Novak über Ricarda Bethkes Buch "Rotes Erbe", kürzlich erschienen im...

Menschenrechtsorganisation Memorial wird in Russland verboten

28.12.2021
Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial wird in Russland wohl keine Zukunft haben: Der Oberste Gerichtshof in Russland hat die Auflösung...

„Erzähl mal!“ bald als Buch erhältlich - Zeitzeugenserie der Wormser Zeitung/Allgemeine Zeitung und Vergangenheitsverlag

27.12.2021
Die Wormser Zeitung/Allgemeine Zeitung schreibt am 24.12.21: RHEINHESSEN/BERLIN - (fsw). Wenn das keine frohe Botschaft ist: Der auf historische...

Veranstaltungshinweis Fritz Bauer Institut: Rechter Terror. Der Mord an Walter Lübcke und die Strategie der Gewalt

27.12.2021
Wir verweisen immer mal wieder auf Veranstaltungen anderer Verlage und Einrichtungen, von denen wir glauben, dass es sich lohnt: Fritz Bauer...

Vorlesungen und Veranstaltungen online: Geschichte erfahren von Zuhause

27.12.2021
In Zeiten der Pandemie ist eines auf jeden Fall festzuhalten: Viele Einrichtungen, die sich mit Geschichte, Erinnerung und Vermittlung von Geschichte...

Black Europe: Wieso eine einmalige Sammlung in Deutschland keine Heimat fand

27.12.2021
Radio-Tipp: Im Deutschlandfunkkultur wird am 28.1.22 im Musikfeuilleton das Sammelwerk des Discografen und Historikers Rainer Lotz besprochen: Er...

Newsarchiv 2020

NDR veröffentlicht eine Online-Story zum Buch über den KZ-Kommandeur Adolf Haas

16.10.2020
Kurz nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen machen sich vier Häftlinge auf die Suche nach einem ihrer Peiniger: Obersturmbannführer Adolf Haas....

Newsarchiv 2017

Sammelband bringt erstmals Forschungsergebnisse zusammen

17.03.2017
Man mag es kaum glauben: Die Geschichte der Homosexuellen und der Homosexualität an der Ruhr ist noch immer ungeschrieben. Weder gibt es eine...

Herbert Mißlitz im Interview mit Cornelia Siebeck

23.01.2017
Im Frühjahr 2010 erschien im Vergangenheitsverlag der Interviewband "Verlorene Zeiten. DDR-Lebensgeschichten im Rückblick". Darin...

Newsarchiv 2016

27.04.2016
Den „Un-fassbaren“ begreifbar machen: Leopold von Ranke kompakt gedacht - Christian Müller auf Kult online: ...

Newsarchiv 2015

Unser Autor Thomas Flichy de la Neuville im Interview

07.12.2015
Es ist eine weitere Zäsur Nachkriegsdeutschlands: Deutschland ist (erneut) im Krieg: Aber was bringt die Bombenkoalition gegen den IS? Unser...

Thomas Flichy de la Neuville im Interview

19.11.2015
Die jüngeren, auf Einsatzschauplätzen im Ausland scharf gemachten Islamisten schlagen jetzt wahllos zu und sind besser ausgerüstet....

31.01.2015
Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Der CDU-Politiker war von 1984 bis 1994 das...

Über das Alexikon

30.01.2015
Das "Alexikon" - Gespräch mit Alexander Fromm über sein "Sammelsurium für alle, die Alex heißen"...

Newsarchiv 2014

Verena Keller über ihr Buch "Silvester in der Milchbar"

21.04.2014
Wie eine Schweizer Schauspielerin Bühnenerfahrungen in der DDR sammelte. Im Interview gibt die ehemalige Schauspielerin Verena Keller Einblicke...

Newsarchiv 2013

Die Legal Tribune empfiehlt "Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern"

26.05.2013
Die Legal Tribune hat Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern von Ernst Reuss gelesen. Reuss beschreibt sehr spannend, wie in Berlin die...

Imprint des Vergangenheitsverlags debütiert erfolgreich mit Stadtführern für Hunde

26.05.2013
Der erste Stadtführer für Hunde "Fred & Otto unterwegs in Berlin" informiert Zwei- und Vierbeiner über alles, was man...

Ein Interview mit Bettina Effner, Leiterin der Gedenkstätte

07.02.2013
Das Notaufnahmelager Marienfelde war für viele Flüchtlinge aus der DDR und Ost-Berlin die erste Anlaufstelle nach der Flucht. Die 1953...

Das Videoclip zum Ringbahnführer

07.02.2013
 "Wegweisende Berlinliteratur" schrieb die Berliner Zeitung über unseren Ringbahnführer - und wir zeigen jetzt das Videoclip...

Interview mit Dr. Axel Klausmeier

07.02.2013
Dr. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, spricht mit uns über den Mauerfall und den Aufarbeitungsprozess der letzten 20 Jahre....

Alexander Thomas und Cornelia Siebeck im Interview

07.02.2013
Die Herausgeber der Interviewsammlung "Verlorene Zeiten", Alexander Thomas und Cornelia Siebeck, haben ein gutes Stück Arbeit hinter...

Reflections of a Nuremberg Prosecutor

07.02.2013
Vortrag von Prof. Dr. Benjamin Ferencz (Chefankläger in den Nürnberger Einsatzgruppen-Prozessen) im Audimax der Humboldt-Universität,...

Nachschlag vom Autor, der die Geschichte Berlins kulinarisch erzählt

07.02.2013
Johannes J. Arens, Autor von "Nachschlag Berlin. Zur Kultur des Essens und Trinkens in der Hauptstadt" im Video-Interview zu seinen Thesen,...

Über die Kulturgeschichte der Sesamstraße spricht die Historikerin Viktoria Urmersbach im Deutschlandradio

07.02.2013
Unsere Autorin Viktoria Urmersbach im Gespräch beim Deutschlandradio: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/corso/2222872/

(Auszug)

07.02.2013
Woher kommt eigentlich deine Faszination für Drachen? (…) Natürlich hatten mich Drachen schon seit meiner Jugend fasziniert,...

Debattenbuch 7 Tugenden reloaded überzeugt

07.02.2013
"Wachstum ist eine Grundbedingung natürlichen Lebens auf der Erde. Auch deshalb ist der Glaube an wirtschaftliches Wachstum so sehr in den...

Dr. Markus Bötefür im Interview zur Kulturgeschichte des Elefanten

07.02.2013

"Die Zeit" berichtet über ein Buchprojekt des Vergangenheitsverlags

07.02.2013
Energie ohne Ende: Deutschlands erstes Kernkraftwerk sollte vor fünfzig Jahren am Wannsee in West-Berlin entstehen. Die Autoren Katja Roeckner...

Mirco Drewes erklärt Brasilien und den Fußball

07.02.2013
 Das Herz des Fußballs schlägt in Brasilien. Mirco Drewes erzählt Geschichten von Aufstieg und Fall begnadeter...

07.02.2013
Aktuell berichtet der buchreport über den Vergangenheitsverlag im Rahmen seiner Serie über Startups der Buchbranche: Startups der...

Welche Quellen bei der Ahnenforschung am wichtigsten sind

07.02.2013
Wer kennt das nicht: Mit zunehmenden Alter entdeckt man, dass man allen guten Vorsätzen zum Trotz doch das Kind seiner Eltern ist: Man ertappt...

Interview mit dem Autor Wolfgang Schwerdt über Blut und Blutsauger

07.02.2013
Wolfgang Schwerdt, Autor zahlreicher kulturhistorischer Werke, hat ein neues Buch veröffentlicht. Ihm ging es diesmal ums Wesentliche: um Blut...

Interview mit Bettina Malter

07.02.2013
Aktueller Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung weckt Öffentlichkeit auf – doch Nachwuchswissenschaftler fordern die...

– oder wieso wir jüdische Friedhöfe als Erinnerungsorte brauchen

07.02.2013
Es war keine große Veranstaltung, letztlich ein Ereignis, das eins von vielen an diesem Tag war. Am 28. März 2012 wurde das Buch...

1. multimediale App mit Zeitreisefunktion und über 3 Stunden Archivfilm + 1000 Fotos

07.02.2013
Downloadlink: Die multimediale Zeitreise durch Berlin > Begeben Sie sich mit dem zeitreiseGuide auf eine faszinierende Fahrt...

Wir respektieren Ihre Privatsphäre.

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Um dies zu ermöglichen, können Sie alle Cookies akzeptieren. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, akzeptieren Sie nur die technisch notwendigen Cookies. Weitere Informationen zu den von uns genutzten Cookies, erhalten Sie auf der Seite "Datenschutzerklärung".


Mein Warenkorb